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Macht und Ohnmacht in der Konfizeit

Macht ist eine Lebenskraft. Diesem Satz stimmen alle zu. Die Frage ist aber, ob sie für ein gutes Miteinander eingesetzt wird und Menschen ermächtigt. Oder aber dafür, andere zu ent-mächtigen, klein zu halten oder gar zu erniedrigen.

Weil das Verständnis und der Umgang mit Macht so vielfältig ist, lohnt sich der Fachtag „Der Elefant im Raum. Macht und Macht-Asymmetrien in der Konfizeit“ am 12. März in Oldenburg für alle 15 Teilnehmer:innen.

Pastorin Heike Wegener, Präventionsbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche und Diakonin Christine Poppe von der bremischen Fachstelle Religionspädagogik und Medien erarbeiten mit uns kompetent, achtsam und prozessorientiert das Themenfeld. Spannungssreich ist für einige allein schon der Tagungsort: Im Oberkirchenrat und hier in dem Sitzungssaal, in dem die Kirchenleitung tagt und hoffentlich bei ihren Entscheidungen sensibel mit ihren Machtbefugnissen umgeht. Ein Wunsch, der beileibe nicht zu allen Zeiten in Erfüllung geht.

Individuell ausgewählte Quietsche-Enten dienen zur Beschreibung der aktuellen Standpunkte in der Konfi-Arbeit und zu Beginn abgesprochene Regeln für unseren Fachtag („Alle Übungen sind freiwillig“ etc.) sorgen dafür, dass die Machtbalance zwischen Referentinnen und Gruppe abgestimmt ist.

Eine historisch-theologische Einordnung führt uns vor Augen, dass auch in der Kirche die Machtfrage unerledigt, oft genug unsichtbar und verschleiert gestellt und beantwortet wird. Dann ist der sogenannte Elefant im Raum, der groß und mächtig wirkt (und manchmal eben ziemlich viel Porzellan zerstört), aber merkwürdigerweise von keiner bzw. keinem erkannt geschweige denn benannt wird.
Schon Jesus hat ja gesagt, dass er lieber die Liebe möchte statt diesen Elefanten. Das funktioniert leider viel zu wenig, vor allem in großen Gruppen und Institutionen. Es braucht in der Kirche z.B. immerwährend Aushandlungsprozesse zwischen dem „Amt“ und dem Priestertum aller Glaubenden. Das Wort „Dienst“ und das hohe Maß an informeller Zusammenarbeit stützen die Illusion der Gleichrangigkeit oder der beliebten „Augenhöhe“.

Die Big Five der Persönlichkeit (Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) verhelfen zusammen mit dem Nachdenken über unsere Prägungen und Rollen-Erwartungen zu einer Klärung eigener Machtpositionen.

Wir lernen, wie viele unterschiedlicher Macht-Typen es gibt: Strukturelle Macht, Positionsmacht, Sanktionsmacht, Definitions- und Deutungsmacht, Expert*innenmacht, Beziehungsmacht, Systemmacht.
Mithilfe dieser Kategorien erstellen wir ein Netzwerk unserer Arbeitsfelder. Welche Machttypen werden wirksam? Wo befinde ich mich in Machtasymmetrien entweder dominant oder aber dominiert? Wie erkenne ich konstruktive und destruktive Auswirkungen von Machtkonstellationen?

Nach der Beschäftigung mit unseren persönlichen „Machtverhältnissen“ kommt ganz konkret die Konfizeit in den Blick. Wo gibt es hier Machtgrenzen, die verletzt werden können bzw. bewusst oder unbewusst verletzt werden?! Die Macht der Gewohnheit („Das machen wir schon immer so!“) begegnet hier ebenso wie die Frage, ob es einen Gottesdienstbesuchszwang geben darf. Wie steht es mit der theologischen Deutungsmacht, wenn ein Konfi oder auch ein*e Ehrenamtliche*r ein ganz anderes Gottesbild hat als die studierten Expert*innen? Darf man Konfis aufgrund der eigenen Sanktionsmacht einfach das Handy wegnehmen oder Jugendliche nicht konfirmieren, weil sie einen Text nicht auswendig aufsagen können? Ist reihum lesen lassen nicht schon eine Grenzverletzung denen gegenüber, die das nicht so gut können und dann, wenn sie an die Reihe kommen, beschämt werden? Wie gehen Teamer*innen mit der durch den in der Juleica gewonnenen Kompetenz-Status um: „Jetzt haben wir hier was zu sagen!?“

Es fällt uns gar nicht so leicht, spontan Vorschläge zu sammeln, die einem Machtmissbrauch in der Konfizeit vorbeugen könnten: Methodenvielfalt, die viele Freiheiten lässt (Bibliolog, Kleingruppen selbst wählen lassen), Konfi-Kontrakte zu Beginn der Kurszeit (Regeln, die für Konfis und das Team gelten), partizipative Ansätze (Themenwahl), transparente und frühzeitige Informationen über die Rahmenbedingungen (Kosten, Erwartungen), Klarheit über die je eigene Position (Ich als Teamer*in/Diakon*in/Pfarrer*in glaube das – Wir als Gemeinde vor Ort/Evangelische/Christenheit glauben das).

Am Ende formuliert jede*r für sich einen jetzt gerade stimmigen Satz zum angemessenen Machtgebrauch: „Ich möchte achtsam mit meinen Machtbefugnissen umgehen und öfters mal darauf verzichten, sie umzusetzen.“ etc. Und Kleingruppen halten fest, was machtsensibles Handeln für uns bedeutet: Transparenz, Achtsamkeit, Kommunikation, Wissen um die Machtverhältnisse…

Für alle, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchten, ist das Buch von Michael Klessmann, Verschwiegene Macht. Figurationen von Macht und Ohnmacht in der Kirche aus dem Jahr 2023 sehr zu empfehlen.

Der Fachtag war eine Kooperation der vier evangelischen Kirchen im Nordwesten Deutschlands: Ev.-reformierte Kirche, Bremisches Ev. Kirche, Ev.-Luth. Kirche Hannovers, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg.

Von Copiloten und anderen Erfahrungen mit der Bibel

Es fühlt sich noch ein wenig unvertraut an. Miteinander auf einer analogen Fortbildungsveranstaltung mit reduziertem Maskengebrauch in Bewegung zu kommen, sich in Kleingruppen austauschen, Installationen aufzubauen, bibliodramatisch durch den Raum zu gehen, gemeinsam an einem langen Tisch Mittag zu essen… Aber es geht.
Allein schon deshalb hat sich der KAJAK-Fachtag „Mein Leben und die Bibel“, der gemeinsam mit der Konfi-Arbeit der Bremischen Kirche am 8. März stattfand, gelohnt.

Astrid Thiele-Petersen, Theologin, Autorin und vieles mehr aus Plön, gestaltete mit uns ganz praktisch erfahrungsorientierte Methoden zu lebensrelevanten Themen von Konfis. Das besondere dabei ist, dass die Bibel dabei zum Handwerkszeug gehört und in die Erfahrung eingewoben wird. Klar geht es auch um Worte, aber mindestens genauso um Körperarbeit, Kunstwerke und Ausdruck von Gefühlswelten.
Ich jedenfalls hatte bis dahin noch nie beim Hören der Worte „du bereitest mir einen Tisch“ aus Psalm 23 einen Tisch mit Tellern eingedeckt oder beobachtet, wie jemand bei „ein Leben lang“ die Sehne eines Bogen bis auf äußerste spannt. Gelernt habe ich, dass es zur Gestaltung von kleinen Kunstwerken keine Materialschlacht braucht. Etwas anstrengend war es, mit einer kleinen Gruppe in einer halben Stunde einen begehbaren Raum zum Thema „Sterben und Tod Jesu“ zu gestalten. Die einen wollten die Aussichtslosigkeit mit einem Weg in die Sackgasse betonen, die anderen die Zuschauer des Geschehens ins Nachdenken bringen. Einigermaßen uneins waren wir uns, in welchen Zusammenhang sich das Thema „Mobbing“ und die Geschichte von der Ehebrecherin aus Johannes 8 bringen lässt.

Klar ist uns geworden, dass es für bestimmte Formate der Konfizeit gute Hinführungen braucht und die Erlaubnis, mit Texten, Gedanken und Gefühlen im vertrauten Rahmen wahlweise fromm, frech, frei oder auch ganz anders umzugehen.

Meine Lieblingserfahrung war übrigens die Suche nach Jesus nach seiner Auferstehung: Ich betrete mit meiner ahnungslosen Gruppe einen Raum, lege mich entspannt auf eine Decke und erkunde einen Stuhl der Marke Kusch – geliefert im April 2014 – von unten, als mir eine Papierkugel auf den Bauch fällt. „Klappe den Klavierdeckel auf“. Gesagt, getan findet sich dort ein weiterer Zettel. Wir suchen und finden inzwischen gemeinsam. Entdecken beim Blick aus dem Fenster in der Spiegelung im Haus gegenüber einen weiteren Hinweis, der unter uns an der Hauswand klebt, klamüsern einen Zettel aus einer Flasche, öffnen verschlossene Schränke und stellen am Ende fest: „ER ist nicht hier!“

Mehr Infos hier bitteschön:
Astrid Thiele-Petersen, Rainer Franke, Mein Leben und die Bibel. Lebensrelevante Konfi-Arbeit mit erfahrungsorientierten Methoden, Göttingen 2019